Neue Betreuungsform für Demenzkranke mithilfe eines virtuellen Zugabteils
Joachim Eckerle
Mein Name ist Joachim Eckerle. Ich bin Ihr Experte für Altenpflege.
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Vielleicht hatten Sie ja auch schon einmal diesen Traum: Sie sitzen in einem Zug, der niemals losfährt und nie ankommt. Für die Bewohner eines Schweizer Pflegeheims ist das Realität. Sie können in einem virtuellen Zugabteil Platz nehmen und sich auf eine Reise begeben, in einem Simulator, der ihnen die Fahrt nur vorgaukelt. Lesen Sie hier mehr über einen neuen Weg in der Betreuung demenzkranker Bewohner.
Geräusche wecken Erinnerungen
Im Berner Pflegewohnheim Domicil Bethlehemacker leben 71 Bewohner. Wenn ihnen danach ist, können sie jederzeit auf eine Reise gehen. Der Zugsimulator ist ausgestattet wie ein 1.-Klasse-Abteil der Schweizer Bundesbahnen. Hinter dem Fenster fliegt eine winterliche Landschaft vorbei: Bäume, Wiesen, Autos, Häuser. Wer genau hinsieht, erkennt, dass sich nach einer gewissen Zeit die Szenen wiederholen. Es ist eine Videoendlosschleife, Sitze und Wände sind nur Kulisse.
Sinn des Projekts ist es, bei den Bewohnern Erinnerungen zu wecken, an unbeschwerte Fahrten in die Ferien oder die tägliche, frühere Fahrt zur Arbeit. Die Fahrgeräusche, die Stoffe der Sitzbezüge, all das sind sinnliche Erinnerungsmarker. Pflegekräfte berichten über die beruhigende Wirkung, die die virtuellen Bahnfahrten auf die Bewohner hätten und die sie regelrecht genössen.
Neue Betreuungsform für Demenzkranke mithilfe eines virtuellen Zugabteils
Täuschung oder kreativer Weg?
Doch es melden sich auch kritische Stimmen, der Psychiater und Demenzexperte Dr. Christoph Held vom Stadtärztlichen Dienst Zürich lehnt das Projekt vehement ab. Er sieht darin ein Täuschungsmanöver, das für die Pflege demenzkranker Bewohner ungeeignet sei. Demenz sei kein gleichbleibender Zustand, der während der Dauer einer Videovorführung kontinuierlich anhalte. Kognitive Fehl- und Höchstleistungen wechseln sich permanent ab. In unregelmäßigen Abständen erleben Demenzkranke eine Art Filmriss.
Mediziner sprechen von Dissoziation, gemeint ist damit eine Unterbrechung einer integrativen Funktion des Gehirns. Von einem Moment auf den anderen ist der "Riss" plötzlich nicht mehr da. Mit einer fatalen Konsequenz, wie Dr. Held betont: "In einem solchen wachen Moment realisiert der Demenzkranke, wenn etwas nicht stimmt. Es kann deshalb sein, dass er zutiefst beschämt reagiert, weil er merkt, dass er manipuliert wurde. Man kann also sagen, dass solche Täuschungen die dissoziativen Zustände noch zementieren."
Wie immer auch der Streit um den Schweizer Zugsimulator für Demenzkranke ausgehen mag, die Suche nach neuen Betreuungsformen wird die Pflege in Zukunft weiter herausfordern, neue, kreative Wege zu gehen.
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